Die Hornschlittenabteilung
Im Winter 1979 / 80 trafen sich einige meist junge Burschen zum Skifahren beim Thurner. Beim Gaudi - Skispringen am Hausberg von Kuhnenbachhofbauer Philipp Kern, der am Lift beschäftigt war, hatte auch er seinen Spaß.So war es fast selbstverständlich, dass man später beim Einkehrschwung in seiner Stube landete, wo dann seine Frau Kresenzia das ein oder andere Fläschchen "Insel - Gold" servierte. So kam man unter anderem noch auf ein Thema zu sprechen, das sich um Hornschlittenrennen in Bayern und auch in näherer Umgebung drehte. Man einigte sich noch am selben Tag darauf, ein eigenes Hornschlitten - Gaudirennen durchzuführen, vorausgesetzt, es lassen sich einige Hornschlitten auftreiben. Im Dezember 1979 war es dann soweit. Nach kurzfristiger Bekanntgabe gingen 11 Schlitten an den Start beim Kuhnenbachskilift. Neun, meist uralte, wurmstichige Horn oder Hattle - Schlitten, die früher den Bauern und Holzhauern zum Heu- oder Holztransport dienten, nahmen mit ihren über- wiegend jungen St. Märgener Piloten Furchtlos aber ehrgeizig wurde die Abfahrt von den 22 Fahrern mehr oder weniger gut gemeistert. Ein Gespann mußte ihren schlecht gewachsten Schlitten vom Start weg bis fast ins Ziel schieben, andere Hornschlitten unterschiedlichster Bauart lösten sich bei flotter Fahrt nach dem Sprung in Einzelteile, wenn nicht gar in Staub auf. Unbeschädigt dagegen konnten die Piloten Kurt Beha und Gerhard Brender ihren kurzen aber schnell gewachsten Oldtimerschlitten "Kleiner Schneekönig" nach zwei Läufen als Drittbeste ins Ziel bringen. Auch zwei neue Schlitten waren bei dieser Mordsgaudi dabei. Ein Eigenbau aus dem Jostal mit Edelbert Schuler (König Rotbart) und Bernhard Saier aus St. Märgen, die späteren Sieger, sowie dem ersten nagelneuen Rennschlitten von St. Märgen, der "Hornisse". Liebevoll angefertigt vom "Wanger Rudi", mit den Fahrern Fridolin Schwer und Klaus Herrmann (Frider + Öhmke) den späteren Zweitplatzierten. Für die Organisation des Gaudi - Rennens waren unter anderen Josef und Oskar Faller, sowie Hansjörg Löffler zuständig, der heute noch als" Hochschwarzwälder Hornschlittenpräsident" die meisten Hornschlittenrennen in der Gegend humorvoll kommentiert. Auch er war begeistert, schließlich durfte er nach dem Rennen seine Jungfernfahrt auf dem neuen Schlitten als Co-Pilot mitmachen. Bei der anschließenden Siegerehrung vor dem Haus und in der Stube des Kuhnenbachers, die gnadenlos überfüllt war, bekam jeder Fahrer als Anerkennung einen Horn-Schnaps, ein Horn-Bier und vom Hansjörg ein dreifaches Horn - Heil. Noch lange plauderte man über die gelungene Premiere und alle waren sich einig, das nächste Hornschlittenrennen in St. Märgen kommt bestimmt. Nach diesem urigen Auftaktrennen brach das reinste Hornschlittenfieber unter den St. Märgener Burschen aus. Etliche wollten sich einen neuen Schlitten zulegen und so war es nicht verwunderlich, das der einzige Hornschlittenbauer, im Ortsteil Glashütte beheimatet, sich vor Arbeit kaum noch retten konnte. I immer mehr Kundschaft bekam nun der gelernte Wagner und Stellmacher, Schmied und Allrounder Rudi Merz, genannt der "Wanger Rudi". Einige Dutzend nagelneuer Hornschlitten, exakt und maßgenau angefertigt mit den Werkzeugen seines Urgroßvaters, konnten in den frühen 80er Jahren nach und nach von ihren neuen Besitzern aus St. Märgen und anderen Orten des Hochschwarzwaldes bestaunt und gefahren werden. Rudi war ein ungemein sachkundiger und gründlicher Handwerker. Wer ihm beim Schaffen in seiner Werkstatt, sie hätte einem Heimatmuseum alle Ehre gemacht, einmal über die Schultern schauen konnte, weiß mit wieviel Liebe und Kunstfertigkeit er seine Schlitten baute. Gerne waren die Schlittenpiloten auch in der gemütlichen Stube von Rudi und seiner Frau Luise zu Gast, wo man ihm bei einem Bierchen gerne seine fesselnden Geschichten aus seinem reichen Leben, die er gekonnt zu erzählen wußte, zuhörte. Oft war Rudi mit seiner Frau Luise gerne bei den Hornschlittenrennen in verschiedenen Orten zu Besuch, um seine selbstgebauten Schlitten samt jungen Piloten zu begutachten und zu bestaunen. Viel zu früh, im Alter von 68 Jahren, ist Rudi Merz im Herbst 1988 nach schwerer Krankheit gestorben. Rudi Merz darf zu Recht als Vater des Hornschlittensports im Hochschwarzwald bezeichnet werden, denn um die Hundert Rennschlitten hat er gebaut, der größte Teil ist heute noch bei sämtlichen Rennen im Einsatz. Am 15. Februar 1981 wurde ein weiteres Rennen hinter der Rankmühle durchgeführt, an dem 12 Schlitten am Start waren, und das von den Gästen aus Waldau gewonnen wurde. Die offizielle Gründungsversammlung der Hornschlittenfreunde St. Märgen fand am 7. Oktober 1981 im Gasthaus Rößle statt. Unter den 28 Hornschlittenfreunden war man sich rasch einig, das man sich als Unterabteilung dem Ski - Club anschließt, der mit dem Vorstand Hermann Kaltenbach sowie Alfred Rombach vertreten war. Bedingung war, jeder Hornschlittenfreund mußte Mitglied des Ski- Clubs sein oder werden. Neben Präsident Hansjörg Löffler wurde Klaus Herrmann (Öhmke) zum Stellvertreter, Walter Beha zum Schriftführer und Klaus Beha, wenige Monate später von Ali Goldschmidt abgelöst, zum Rechner gewählt. Nun stand dem 1. offenen Pokal - Hornschlittenrennen am 03.01.1982 nichts mehr im Wege. Als Wanderpokal winkte den Siegern eine urige Wandtafel mit aufgesetzten Kuhhörnern, die von ein paar Hornfreunden selbst angefertigt wurde. Auch einen Vereinsmeisterpokal, in Form eines kleinen Hornschlittens auf einem Holzsockel, hatte Klaus Rießle angefertigt. Mehrere Hundert Zuschauer, sowie 38 Hornschlittengespanne, viele auf originelle Art und Weise herausgeputzt, konnte der "Hochschwarzwälder Hornschlittenpräsident" und Ansager Hansjörg Löffler, an der Strecke hinter der Rankmühle, begrüßen. Bei strahlendem Sonnenschein, rasanten Abfahrten und spektakulären Sprüngen, bei denen einige der" Oldtimer- Schlitten" in die Brüche gingen, waren auch die Zuschauer aus Nah und Fern restlos begeistert. Zwei schon etwas erfahrenere Teams aus Waldau, der "Holzwurm" und der "Bruchschlitten" machten nach zwei spannenden und sehr unterhaltsamen Durchgängen schließlich den Sieg unter sich aus. Dichtgefolgt von der "Hornisse" mit Klaus Herrmann und Klaus Beha und dem "Rotkäppchenschlitten" mit Georg Schlegel und Erich Hättich, beide aus St. Märgen. Es sei angemerkt, dass die Holzkufen der Schlitten damals meist mit Gärtnerparafin gewachst wurden. Erstmals nahm man 1982 auch an Rennen in Neustadt und Waldau teil, wo ein beachtlicher 3. Platz durch Helmut Schlegel und Manfred Rombach auf dem "Braunen Bär" eingefahren wurde. Der Winter '83 war einer der Höhepunkte im St. Märgener Horn - Lager. Nachdem man die Schlitten mit Streichbelägen und Führungsschienen etwas aufmotzte, landete man beim eigenen Rennen am Kuhnenbachlift erstmals einen Doppelsieg durch Klaus Herrmann / Klaus Beha sowie Hans Faller / Karl Herrmann auf dem " Schneeroß". Dieses Gespann konnte bald darauf den ersten Auswärtssieg für die Hornschlittenfreunde einfahren. Kräftig wurde bei der anschließenden Siegerehrung gefeiert. Der Paukenschlag folgte am 19. und 20. Februar 1983 in Menzenschwand, bei den internationalen Deutschen Meisterschaften im Hornschlittenrennen für Ein- und Doppelsitzer, in Verbindung mit den Schwarzwaldmeisterschaften. Am Samstag konnte man bei den Einsitzern den 3.Platz durch Klaus Herrmann (Öhmke), sowie den 4. Platz für Hans Faller (d'Bescht) unter knapp 50 Teilnehmern bejubeln. Es sei bemerkt, das Einsitzerrennen auf der 1300 Meter langen Kammbühlstrecke, wurde von den St. Märgener Piloten liegend gefahren und war ein einmaliges Erlebnis ! Am Sonntag, bei herrlichem Wetter und einer beeindruckenden Zuschauerkulisse von 3000 Hornschlittenfans, die die 105 am Start befindlichen Schlitten auf der rassanten Talfahrt kräftig anfeuerten, belegten die Fahrer Klaus Herrmann und Klaus Beha (Öhmke + Prof ) den nicht für möglich gehaltenen 2. Platz. Die Sieger kamen aus Villanders / Südtirol. Als bestplazierte Deutsche konnte das St. Märgener Team somit auch den Titel als Schwarzwaldmeister einheimsen. Auch die sehr guten Plätze 6 + 7 wurden von St. Märgener Teams belegt, dies waren Alfred Bammert / Leo Rießle und Hans Faller / Karl Herrmann. Dass es nach der Siegerehrung im Kurhaus, wo es reichlich Pokale für die St. Märgener Fahrer gab, noch feucht fröhlich zuging war klar, denn für die meist trinkfesten Hornschlittenfreunde samt Fans stand ein eigens gecharterter Bus vor dem Kurhaus zur Heimfahrt bereit. Krönender Abschluß der Saison '83 war der Sieg beim "Hörnle Marathon", mit 6,5 km das längste und härteste Hornschlittenrennen im Schwarzwald. Vom Gipfel des Herzogenhorn bis ins Tal von Menzenschwand. Helmut Schlegel und Thomas Herrmann konnten die Siegertrophäen stolz mit nach St. Märgen nehmen. Auch in den Wintermonaten von 1984 - 86 dominierten St. Märgener Schlitten bei vielen Rennen im Umkreis. Doppelsiege in Neustadt vom Hochfirst und in Waldau '84 mit den Piloten Alfred Bammert / Leo Rießle "Ferndobelblitz", sowie Hans Faller / Karl Herrmann "Schneeroß" (Sieger vom Hochfirst ). 3 weitere Siege in St. Märgen und somit auch entgültiger Gewinner des 1. Wanderpokals (3 x in Folge), sowie des Vereinsmeisterpokals von St. Märgen für die "Hornisse" mit Klaus + Klaus. Außerdem gewannen diese das Rennen 1986 in Neustadt am Glasberg. Mit Karl Kirner und Martin Fehrenbach auf der "Goldbirke" siegten zwei junge Fahrer aus St. Märgen beim 1. Breitnauer Hornschlittenrennen im Hinterdorf. Da auch der 3. Platz von St. Märgenern erkämpft wurde, endete die Siegesfete im Gasthaus Nessellachen erst in den frühen Morgenstunden. Mittlerweile wurde ein neuer Wanderpokal angefertigt, von Gerhard Lickert kunstvoll geschnitzt. Auch ein neuer Vereinsmeisterschlitten in Kleinformat wurde von Paul Beha aufwendig und originalgetreu angefertigt. Ein besonderer Dank von allen war ihnen gewiß. In den oft schneearmen Wintern 1987-99 konnten bei den meist jährlich stattfindenden Hornschlittenrennen in St. Märgen, Breitnau, St. Peter, Elbenschwand, Altglashütten, Neusatz bei Bühlertal, Waldau, Menzenschwand, Neustadt/Hinterzarten und 1994 beim internationalen Rennen in Davos Schweiz, etliche Siege von St. Märgener Piloten eingefahren werden. Dies waren: Karl Kirner / Thomas Schuler, Klaus Herrmann / Helmut Schlegel Klaus Herrmann / Leo Kaltenbach, Tobias Schuler / Paul Schuler und Karl Kirner / Jack Wehrle, die außerdem Vize - Schwarzwaldmeister 1994 in Menzenschwand wurden. Auch zahlreiche zweite und dritte Plätze wurden des öfteren gefeiert. Ein besonderes Erlebnis für Zuschauer und Fahrer war das 1. Schönwälder Gaudirennen 1988, bei dem die bisher weitesten Sprünge von sage und schreibe bis zu 24 Meter nachgemessen wurde. Auch einige St. Märgener Weitenjäger namen dieses besondere Erlebnis und einige blaue Flecken mit nach Hause. 1996 richteten die Hornissen St. Märgen den "1. Rudi Merz" Gedächtnislauf in Verbindung mit den Schwarzwaldmeisterschaften aus. Bei diesem anspruchsvollen und schnellen Rennen Ende März, wegen Schneemangel am Kuhnenbachlift ausgetragen, erinnerte man noch einmal an die Verdienste unseres verstorbenen Hornschlittenbauer Rudi. Um die Hundert Schlitten waren am Start. Die Fahrer Christian Willmann / Ralf Kaltenbach, Karl Kirner / Jack Wehrle und Clemens Schuler / Michael Schuler fuhren mit den von ihm angefertigten Schlitten auf die Plätze 2, 3 und 4. Der St. Märgener Damenschlitten "Hornissennest" mit Verena Wehrle und Erika Winterer konnte ebenfalls den Titel des Vize - Schwarzwaldmeisters von 10 gewerteten Damenteams erringen. Nicht nur Rennsport verbunden mit viel Spaß und Gaudi, sondern auch Geselligkeit wird bei der Hornschlittenabteilung gepflegt. Mit internationalen Ausflügen in alle Himmelsrichtungen, erlebte man mit " Steiert - Reisen" schon so Einiges. In Rüdesheim, München, Amsterdam, Paris, Hamburg, San Remo - Monaco und im Oetztal gab es über die Erlebnisse und Aktivitäten vor Ort, auch die einiger Junggesellen, immer genügend Gesprächsstoff für später. Auch unser Freund " Karl der Käfer" hatte so seine besonderen Erlebnisse. Beim Erzählen auf der Heimfahrt, bei einem Fläschchen Fürstenberg, gab es immer viel zu lachen. Über vieles wäre noch zu berichten, aber nicht zuletzt sollten die originellen, meist mit viel Arbeit und Einfallsreichtum hergerichteten Gaudischlitten aus St. Märgen, erwähnt werden. Die unterschiedlichsten Vehikel auf Kufen wurden bei vielen Rennen daheim und auswärts bestaunt und prämiert. Bauer und Bäuerin, vollbeladen mit Heu, das Himmelbett, die Rakete Ariane 2, die Ölscheichs, die Schnapsbrennerei und und... und... sind mit ihren Schlittenhaltern : Claudia Riesterer / Thomas Herrmann, Harald Herrmann / Thomas Herrmann, alias Bauer Theo und Harry Hirsch, sowie Philipp Faller nur die fleißigsten dieser Klasse erwähnt. Sie und viele andere, männlich wie weiblich, trugen bei zum festen Zusammenhalt, sowie der sehr guten Kameradschaft innerhalb der Hornschlittenabteilung, wie auch den Hornschlittenfahrern aus Nah und Fern. |